KNOCHENSCHWUND

Den Knochenschwund bezeichnet der Mediziner als Os teoporose (M81.99).

Der Mineralgehalt der Knochen nimmt bis zum 40. Lebensjahr zu, bis eine individuelle maximale Knochenmasse erreicht ist. Im weiteren Lebensverlauf werden dann etwa 0,5 bis 1,5% jährlich wieder abgebaut. Störungen, die diesen natürlichen Knoche nabbau steigern, führen zur Entwicklung eines Knochenschwund s mit der Gefahr von Knochenbrüchen, meist in Form von sog. Spontanfrakturen (= Brüche ohne äußere Ursache) verbunden mit Schmerzen.

Der Knochenschwund, der generalisiert (= allgemein ausgebreitet) oder lokalisiert (= örtlich begrenzt) auftreten kann, ist durch eine Verringerung der Knochensubstanz bei erhaltener Struktur gekennzeichnet. 
Der Knochenschwund kann sich aufgrund einer endokrinen
(= hormonellen) Störung (Hyperthyreose (= Überfunktion der Schilddrüse), Morbus Cushing (= Krankheitsbild durch ein Überangebot von Glucocorticoiden), Hyperparathyreoidismus (= Überfunktion der Nebenschilddrüse), Hypogonadismus (= Unterfunktion der Keimdrüsen)) entwickeln.
Hormonale Faktoren sind an der postmenopausalen
(= Übergangsphase von der weiblichen Geschlechtsreife zum Alter) und senilen (= altersbedingten) Form beteiligt. 
Die lokale (= örtliche) Variante kommt beim Morbus Sudeck bzw. bei der Sudeck Dystrophie (engl. Sudeck dystrophy) vor, wahrscheinlich bedingt durch lokale Stoffwechselstörungen (Debrunner 1988).
Schmerzen treten hauptsächlich im Bereich der Wirbelsäule auf, in der Regel weniger segmental begrenzt, sondern über größere Abschnitte. Im Verlauf der Erkrankung kommt es zu wiederholten Spontanfrakturen
(= Knochenbrüche ohne äußere Gewalteinwirkung), die zu einer Fehlstellung führen, wodurch die kleinen Wir bel gelenke, der Bandapparat und die Muskulatur in Mitleidenschaft gezogen werden und zusätzlich Schmerz en verursachen.
Ein Knochenschwund verläuft schubförmig. In der Akutphase ist Bettruhe angezeigt, ansonsten ist Inaktivität zu vermeiden, darüber hinaus sollte regelmäßig eine muskelkräftigende Heilgymnastik durchgeführt werden. Physikalische Therapiemaßnahmen (lokale Wärmeanwendungen, Elektrotherapie) sind ebenfalls hilfreich.

Der postmenopausale (= nach Ausbleiben der Regel) und senile (= greisenhaft, im Greisenalter auftretende) Knochenschwund ist medikamentös nur schwer zu beeinflussen. Die Wirkung von anabolen (= aufbauenden) Hormonpräparaten ist bei Knochenschwund nicht eindeutig gesichert. Eine Substitutionsbehandlung (= Gabe von Substanzen, die eigentlich ausreichend im Körper vorhanden sein müßten) mit Kalzium und Vitaminen zeigt nur begrenzte Wirkung, in der Regel sind diese Stoffe im Körper reichlich vorhanden, können aber vom erkrankten Kn ochen nicht verwertet werden.
Die Gabe von Calcitonin
(= Hormon mit kalziumregulierender Wirkung) scheint bei Knochenschwund erfolgversprechender zu sein, neben der hormonellen soll eine antinozizeptive (= gegen Schädlichkeiten gerichtete) Wirkung bestehen. Besonders in der akuten Phase sind Infiltrationen mit Lokalanästhetika hilfreich. Meist kommt man jedoch um den Einsatz (vorwiegend) peripher wirksamer Analgetika nicht herum.

Medikamentöse Schmerztherapie:
Akut
(= plötzlich einsetzend, heftig) und subakut (= eher schleichend verlaufend) können zunächst (vorwiegend) peripher wirkende Analgetika (= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerz entstehung wirken) eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika (= Rheumamittel), aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und magenschonende wie z.B. Mobec®. Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®) oder Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Bei stärkeren schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch Muskelrelaxanzien
(= Mittel zur Muskelentspannung) (z.B. Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden. 
Manchmal ist aber ein Os
teoporoseschmerz nur mit zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N®) (= im Gehirn bzw. Rückenmark wirkende Schmerzmittel) beherrschbar. 
Grundsätzlich sollte aber auch bei Knochenschwund eine längerfristige Schmerz
mittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Abhängigkeit vermieden werden. Die Kombination mit schmerz distanzierenden Antidepressiva (= Mittel gegen Depression, aber auch gegen chronischen Schmerz en bei Knochenschwund hilfreich) (z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Schmerzmittel einzusparen.

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika):
Bei anhaltenden Rückenschmerzen sollten rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt werden. Eine sehr wirksame Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist die therapeutische Lokalanästhesie mit einem lang wirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) in Form von örtlichen Betäubungen, Nerven
- und rückenmarknahen Blockaden.

Infiltrative Lokalanästhesie
(= Infiltration mit einem örtlichen Betäubungsmittel) bei einem schmerzhaften Knochenschwund: 
Die einfachste diesbezügliche Therapie besteht in der örtlichen Infiltration der meist verspannten, an die Wirbelsäule angrenzenden Muskulatur. Je nach segmentaler Ausdehnung reichen ca. 5-10 ml Bupivacain 0,25% bis 0,5% völlig aus. Eine weitere Möglichkeit ist die gezielte Infiltration von Triggerpunkten (= kleine Reizzonen hpts. in der Mus kulatur) nach vorheriger Identifizierung derselben.

Periphere temporäre Nervenblockaden
(= mehr oberflächliche, zeitlich begrenzte Ner venbetäubungen):  
Periphere (= oberflächliche) Schmerzprojektionen entlang der Interkostaler ven (= Zwischenrippenner ven) sprechen gut auf wiederholte Interkostalblockaden mit einem örtlichen Betäubungsmittel an. In hartnäckigen Fällen kann die Blockadefrequenz durch Implantation eines Katheters erhöht werden.
Zur Unterbrechung segmentaler Reflexkreise, aber auch zur Therapie pseudoradikulärer
(= scheinbar nervenwurzelnbetreffende) und radikulärer (= nervenwurzelnbetreffende) Schmerzausstrahlungen eignet sich im Lendenwirbelsäule n-Bereich die Blockade der korrespondierenden Nervenwurzel n, auch mit Katheter.
Die lumbale
(= den Lende nbereich betreffende) peridurale (= rückenmarknahe) Blockade, insbesondere mit Katheter, ist eine sehr effektive Therapiemaßnahme, die allerdings nur unter stationären Bedingungen durchgeführt werden sollte. Bei technischer Beherrschung, adäquater Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das Risiko bei der Indikation "Rückenschmerzen" als vertretbar eingestuft werden. Die Wirkung einer lumbalen peri(epi)duralen Blockade kann individuell mittels Lokalanästhetikamenge und -konzentration so gesteuert werden, daß die Schmerz reize aus der gesamten unteren Körperhälfte bei weitgehend erhaltener Motorik blockiert werden. Der Erhalt der Motorik hat den Vorteil, daß die Patienten nicht immobil sind, sondern gleichzeitig physiotherapeutisch behandelt werden können.
Mit einem entsprechenden Lokalanästhetika-Volumen kann die Blockade bis zu den thorakalen
(= den Brustbereich betreffenden) Segmenten ausgedehnt werden.

Physikalische Schmerztherapie:
Auch die Elektrostimulation kann bei Knochenschwund eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Stimulation mit Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS) hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden paarig paravertebral (= neben der Wir belsäule) im Schmerzbereich aufgeklebt. Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden. 
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist die oberflächliche Kältetherapie im Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen Luftstrom auf ca.-10 bis-15 Grad C abgekühlt ist. Manche Patienten empfinden allerdings lokale Wärmeapplikationen (z.B. Rotlicht oder auch Infrarot-Wärmekammer) als besser wirksam. Warme Bäder können ebenfalls Rückenschmerz
en lindern.
Erste positive Erfahrungen sind auch von der Magnetfeldtherapie zu berichten.
Die Verordnung von Massagen ist auch bei einem schmerzhaften Knochenschwund nicht sinnvoll. Für den Patient mag diese Behandlung zwar angenehm sein, aber unter schmerztherapeutischem Aspekt bringt sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten.
Nahezu unverzichtbar bei Knochenschwund ist aber die heilgymnastische Therapie, da meist nur diese geeignet ist, einen ärztlichen Behandlungserfolg zu sichern und längerfristig zu stabilisieren, da auf Dauer nur eine kräftige Mus
kulatur eine statische und dynamische Insuffizienz des Achsenorgans kompensieren kann. Auch Heilgymnastik im wohl temperierten Bewegungsbad kann manchmal Schmerz en aufgrund eines Knochenschwund s eindrucksvoll lindern.

Andere Therapiemaßnahmen:
Der Vollständigkeit halber darf die Akupunktur nicht unerwähnt bleiben. Bei eher lumbalgiformen (= kreuzschmerz artigen) Beschwerden soll die Nadelung der Punkte 23, 31 und 50 auf dem Blasenmeridian, sowie Gallenblase 26 und 28 wirksam sein (Kossmann et al. 1986).
Wichtig sind individuelle Instruktionen zur richtigen Haltung und Vermeidung von übermäßigen Wirbelsäulenbelastungen (funktionelle Ergotherapie). Darüber hinaus ist anzustreben, daß die betroffenen Patienten Übungen zur Lockerung der Mus
kulatur erlernen. 
Die Verordnung von Hilfsmitteln wie z.B. Korsette sollten dem Orthopäden vorbehalten sein.
Hypnoide Verfahren wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson sind im Rahmen einer psychologischen Mitbetreuung auch bei Knochenschwund eine sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie, da auch sie zu einer muskulären Entspannung führen, ebenso Biofeedback
(= computergesteuerte Rückmeldung körpereigener Signale).

Wenn ein schmerzhafter Knochenschwund längerfristig besteht, ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.


 

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Aktualisiert: 22.11.2006  SB
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C
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O
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